Wessobrunner Gebet

wessobrunner gebet

Christlich und heidnisch miteinander? Logisch! Das Wessobrunner Gebet als ein Beispiel für negative Theologie

De Poeta

„Dat gafregin ih mit firahim firiuuizzo meista
Dat ero ni uuas noh ufhimil
noh paum noh pereg ni uuas
ni […] nohheinig noh sunna ni scein
noh mano ni liuhta noh der mareo seo

Do dar niuuiht ni uuas enteo ni uuenteo
enti do uuas der eino almahtico cot
manno miltisto enti dar uuarun auh manake mit inan
cootlihhe geista enti cot heilac […]

Cot almahtico, du himil enti erda gauuorahtos enti du mannun so manac coot forgapi forgip mir in dina ganada rehta galaupa enti cotan uuilleon uuistom enti spahida enti craft tiuflun za uuidarstantanne enti arc za piuuisanne enti dinan uuilleon za gauurchanne“

 

Aus: Elias von Steinmeyer, Die kleineren Althochdeutschen Sprachdenkmäler

Treten die beiden Begriffe „heidinisch“ und „christlich“ zusammen auf, ist bei den meisten wohl die erste Assoziation „Gegensatz“, „nee, mag ich nicht“ oder „zusammen geht garnicht!“ Dabei können diese beiden Aspekte durchaus nebeneinander existieren, sogar in einem einzigen Text: Das frühe Mittelalter macht’s möglich 😉 Ein ganz wunderbares Beispiel für diese Koexistenz ist das Wessobrunner Gebet, oder auch Wessobrunner Schöpfungsgedicht genannt. Diese wundervolle Dichtung entstand um etwa 814 n. Chr. und ist Teil der Sammelhandschrift Clm 22053. Sie liegt in der Staatsbibliothek in München; in ihrer Entstehung ist sie zudem dem süddeutschen Raum zuzuordnen.

Ein Blick in diese (und natürlich in alle anderen) Handschriften lohnt sich allemal: Im Handschriftencensus kann auf ein Faksimile online zugegriffen werden  neben weiteren Textzeugnissen könnt ihr euch auf Blatt 65v-66r das Wessobrunner Gebet anschauen.  

Hilfe bei der Missionierung

Zu Zeiten der Christianisierung der germanischen Völker haben sich ein paar Missionare den Hut aufgesetzt, diese Völkergruppe zu bekehren. Doch wie geht man mit einem „barbarischen“ Volk (danke, Cäsar und Tacitus) um, mit dem man nicht vernünftig  kommunizieren kann und die auch keine Ahnung von Gott haben, diese aber zumindest im Ansatz bekommen sollen? Da kann so ein Schriftstück schon Abhilfe schaffen. Das Rezept ist ganz einfach: Man nehme das, woran die Germanen glauben, streicht es weg, und ersetzt es durch christliche Elemente. Doch schauen wir uns das mal im Detail an.

In diesem Rahmen stellt sich dann doch die Frage: Inwiefern lässt sich das Wessobrunner Gebet mit seinen sowohl heidnischen als auch christlichen Elementen in den Gesamtkontext der Schöpfungsberichte einbringen? Kann trotz, oder gerade wegen der heidnischen Elemente von einem vollwertigen Schöpfungsbericht überhaupt die Rede sein?

Was will uns der Autor damit sagen?

Die Struktur und der Aufbau erinnern an den eines germanischen Zauberspruchs:

Zum Titel: Wirft man einen Blick in die Handschrift, fällt auf, dass da ja gar nicht „Wessobrunner Gebet“ als Titel steht, sondern „De Poeta“. In Bezugnahme auf eine Transzendenz Gottes, ist der Titel  auf Gott als Schöpfer bezogen, womit die Übersetzung „über den Schöpfer“ statt „von dem Schöpfer“ treffender zu sein scheint. 

Der erste Teil des Gedichts negiert dabei alles, was den germanischen Glauben beinhaltet. Diese Negierung bildet dabei die Voraussetzung für die darauffolgende Beschreibung der Transzendenz Gottes (Creatio ex nihilo, vorher existierte nichts). 

Im zweiten Teil versucht der anonyme Verfasser des Gedichts, die Transzendenz Gottes zu verdeutlichen. Das Problem bestand darin, den eher materialistisch denkenden Germanen diese nicht fassbare Transzendenz zu verdeutlichen. Nochmal im Detail: Alles irdische Sein wird negiert, dann erst wird die Vorstellung eines transzendenten Gottes möglich. Der Verfasser versucht also eine „unbesetzte“ Ausgangsposition zu schaffen, um diese dann mit christlichen Inhalten zu füllen. 

Ein abschließender Gebetsteil soll Gott huldigen und die Heiden davor bewahren, zum Bösen (also zu ihrem alten Glauben) zurückzukehren und bestärkt das Entsagen des alten Glaubens. Dieser letzte Teil kann als eine Art christliche Versiegelung interpretiert werden.

Germanische Anspielungen

Die Forschung ist sich einig und ordnet den Gebetsteil klar als christliches Element zu und unterstützt das Wessobrunner Gebet als der Missionsliteratur zugehörig. 

Die Problemstellung: Wieso wird in der Forschung von einer germanischen Einwirkung ausgegangen, wo doch der christliche Kontext klar ist? Das Wessobrunner Gebet einzig in den historischen Kontext der Missionierung einzuordnen, scheint hierbei nicht ausreichend. Was man an dieser Stelle also tun kann, ist es, den ersten Teil der Dichtung in seiner Form und Darstellung zu untersuchen

Wie wir spätestens seit der Serie Vikings wissen, gab es auch im hohen Norden germanische/heidnische Stämme, die gar nicht so wenig mit den germanischen Völkern in unseren Gefilden gemein hatten. Nicht zuletzt in Glaubensangelegenheiten: Der Vergleich des Wessobrunner Gebets mit der nordischen Völuspá (Weissagung der Seherin) und der Genesis bietet sich an dieser Stelle mehr als an und ist zudem noch legitim,  um so einen gemeinsamen heidnischen Hintergrund des Wessobrunner Gebets und der Völuspá auszuschließen/zu bestätigen oder ihnen einen gemeinsamen Hintergrund zu geben.

Ein Beispiel:

Durch die Synchronisation mit dem Wortlaut der Genesis gingen Konjekturen einher, durch die aus dem stein ein scein wurde.

[…] ni sterro nonheinig noh sunna ni scein, […]

Nun, so ein t kann ja auch mal als c gelesen werden und verschrieben haben sich die Menschen ja auch schon immer.

Dem naturverbundenen Germanen sind Steine ein außerordentlich wichtiges Element. Im Vergleich mit der Völuspá und der Genesis, welche schließlich auch die Schöpfung thematisieren, ergibt der scein plötzlich auch Sinn, werden dort schließlich auch der Schein und keine Steine erwähnt.

Provokation ist auch keine Lösung

Wir wissen, dass so eine Missionierung nicht immer ganz gewaltfrei von statten geht (*hust* Karl der Große *hust). Die Existenz von etwas abzusprechen, an das ganze Völkergruppen mit Herzblut und tiefster Überzeugung glauben, ist schon sportlich, aber: Warum provozieren und gleich töten, wenn man jemanden auch auf sanftere Art überzeugen kann? 

Der Verweis auf den Brief des angelsächsischen Bischofs Daniel von Winchester plädiert für eine solche gewaltfreie Vorgehensweise. Wichtige Punkte bilden hier der Verweis auf die Transzendenz sowie der Hinweis, die Germanen nicht zu provozieren, sondern zu überzeugen; hier setzt ein Beleg für die Bekehrungszeit ein, was das Wessobrunner Gebet zu einer „Anleitung“ für Missionare macht. Quasi „Germanen bekehren für Dummies“. Schauen wir uns die negierten Elemente mal im Einzelnen an:

  • Essentielle Elemente des germanischen Lebens wie Steine, Berge, Bäume etc. bilden hier durch eine (negierte) Aufzählung den Beginn der Dichtung.
  • Quellen belegen das Vorgehen der Kirche gegen etwa den Baum- und Steinkult.
  • Steine und Bäume stellen bei den Germanen wichtige kulturelle Elemente dar, etwa für den Ahnen- und Totenkult oder für die Thing-Versammlungen.

Zusammenfassung

Beim Wessobrunner Gebet findet eine reine Negierung der germanischen Kultur und dessen Vorstellungsbereiches durch den Dichter statt. 

Themen wie die Erschaffung von Tag und Nacht, des Menschen oder der Sündenfall werden im Wessobrunner Gebet gänzlich ausgelassen. Es handelt sich dabei um keine Beschreibung der Weltschöpfung, wie es in anderen Interpretationen des Schöpfungsberichtes der Fall ist, womit diese in einem anderen Kontext zu sehen sind. 

Der Fokus liegt bei dem Wessobrunner Gebet auf der Intention, die Germanen nicht durch Strafe oder Provokation zum Christentum zu bekehren, sondern ihnen die Transzendenz Gottes zu verdeutlichen. Letztendlich lässt sich das Wessobrunner Gebet in den Themenkomplex der Schöpfungsberichte insoweit einordnen, als dass dieser einem christlichen Zweck diente, indem germanische Inhalte negiert und christliche Inhalte in einen den Germanen vertrauten Kontext eingepackt wurden. 

Demnach handelt es sich um eine subtile bzw. gewaltfreie Art der Bekehrung. Im Gegensatz zum Wessobrunner Gebet stehen weitere, später verfasste Schöpfungsberichte des Mittelalters, welche allerdings ein christliches Publikum voraussetzten. Die Notwendigkeit einer Bekehrung war hier nicht mehr gegeben, vielmehr standen Eigeninterpretationen und Einbindung des Autors in ein biblisches Thema im Vordergrund.

Zusammenfassend kann man sagen, dass das Wessobrunner Gebet als Mittel zum Zweck für die Ausbreitung des Christentums im frühen Mittelalter gesehen werden kann, während weitere Schöpfungsberichte dem Zweck einer literarischen Entfaltung des Autors dienten. Das Gebet wird dem Begriff „Schöpfung“ nicht so gerecht wie andere Berichte, wird es u.a. doch durch Negierung dominiert. Daher kann das Wessobrunner Gebet nicht als vollwertiger Schöpfungsbericht gesehen werden, sondern vielmehr als christliches Instrument.

Quellen und Literatur
Die Edda. Götterdichtung, Spruchweisheit und Heldengesänge der Germanen. Ins Deutsche übertragen von Felix Genzmer, München 1981.

Müller, Stephan: Altochdeutsche Literatur. Eine kommentierte Anthologie, Ahd./Nhd., Altniederd./Nhd. Übersetzt, 
hrsg. und kommentiert von Stephan Müller. Stuttgart 2007.

Gottmann, Carola L.: Das Wessobrunner Gebet. Ein Zeugnis des Kulturumbruchs vom heidnischen Germanentum zum Christentum, in: Rolf Bergmann, Heinrich Tiefenbach, Lothar Voetz (Hrsg.): Althochdeutsch. Grammatik, Glossen und Texte,Bd. 1,Heidelberg 1987, S. 637‐654.