Der Heliand

heliand lektorat katrin stupp

Durch mein Studium der Mittelalter- und Renaissancestudien (MaRS) schlägt mein Herz vor allem für eben diese Epochen, sowohl mein Kernfach Germanistik als auch meine Tätigkeit als Lektorin sprechen für meine Liebe zur deutschen Sprache. 🙂 Als besonders spannend empfinde ich demnach auch jene Zeugnisse der Geschichte, die eine Beschäftigung mit Sprache aufweisen. In diesem Beitrag möchte ich euch daher auf eine kurze Reise in die Entstehungszeit des sogenannten Heliand mitnehmen – ein Großepos aus dem 9. Jahrhundert, das im Kontext einer friedlichen Missionierung durch Sprache entstanden ist. 

Historische Einordnung: Die Sachsenkriege und die Zeit danach

Die Komplexität dieser Zeit kann ich hier nur bedingt aufführen, hier der Versuch eines (wirklich) kurzen Umrisses:
Das 8. und 9. Jahrhundert war von religiösen Diskrepanzen und Unterschieden geprägt. Auf der einen Seite standen die Sachsen, die fest an ihrem heidnischen Glauben festhielten, auf der anderen Seite Karl der Große und die Franken, die bereits christianisiert waren und diesen Weg auch weiterführen wollten – was sich unter anderem in Form der Sachsenkriege (772-804) auswirkte, bei denen die Sachsen mit Schwert und Kreuz missioniert wurden.
Etwa 50 Jahre danach kam der Stellinga-Aufstand als weiterer Konflikt hinzu, bei dem sich die niederen sächsischen Stände gegen den mit den Franken kooperierenden Adelsstand erhoben: Die Integration der Sachsen sowie eine Stabilisierung des Christentums waren also noch nicht abgeschlossen. Die Brutalität der Sachsenkriege sollte hier jedoch nicht wiederholt werden – der Ansatz einer friedlichen Lösung war gefragt, um die restlichen Sachsen zu überzeugen und mit ins christliche Boot zu holen. 

Wie geht das besser als über Sprache?

Der altsächsische Heliand

Vor allem durch karolingische Gelehrte entstand das Bedürfnis, Schriften in der Volkssprache zu verfassen. Auch die Übertragung von christlichen Texten in die Volkssprache gehörte zu den Versuchen, ein breiteres Publikum zu erreichen. Einer der Begründer dieses Bildungsprogramms war Karls Berater Alkuin, der bereits das brutale Vorgehen während der Sachsenkriege stark kritisierte. Unter anderem der altsächsische Heliand entstand aus der Idee einer friedlichen Mission heraus – ein aus 6000 Stabreimversen bestehendes Großepos, das das Leben und Wirken Jesu (Evangelienharmonie) in altsächsischer Sprache wiedergibt und einen Transfer christlicher Inhalte auf die heidnische Kultur darstellt: Eine Missionierung mit Worten statt mit dem Schwert.

Übertragungsstrategien und die Herausforderungen

Wie kann man sich  so ein Vorhaben in einer Zeit vorstellen, die von Kämpfen durch das Schwert geprägt war – vor allem mit den Sachsenkriegen im Hinterkopf?

Eine Mission in Schriftform ist dabei nicht nur eine Idee, die sich einzig im Heliand widerspiegelt. Bereits bei dem im 8. Jahrhundert im süddeutschen Raum entstandenen Wessobrunner Gebet handelt es sich um Missionsliteratur, bei der christliche Inhalte in ein heidnisches Gewand gepackt wurden. Auch der unbekannte Verfasser des Wessobrunner Gebets hatte dabei mit der gleichen Problematik zu kämpfen wie der (auch unbekannte) Verfasser des Heliand. Wie also lässt sich ein komplexer christlicher Inhalt in „einfachere“ Kommunikationsfelder wie die der (teilweise noch) heidnischen Sachsen übertragen?

Kulturelle Differenzen als Übertragungsproblem

Um eine erfolgreiche Übertragung von komplexeren und vor allem fremden Inhalten für eine gegensätzliche Kultur zugänglich zu machen, gilt es, Barrieren zu überwinden. Neben inhaltlichen Hindernissen stellen dabei auch sprachliche Differenzen eine Hürde dar.

Bei Missionsliteratur wie dem Heliand handelt es sich oft um einen äußerst appellativen Endtext, der im Sinne einer Missionierung in jedem Fall effektiv sein sollte. In diesem Rahmen musste der Inhalt wirksam in die sächsische Kultur transferiert und entsprechend transformiert werden. Durch diese Anpassung musste also eine unmittelbare Wirksamkeit erzielt werden, die weiterhin zu einer Überzeugung, dann zu einer Reaktion und anschließend zu einer Aktion führen musste – was gar nicht so einfach war.

Gemäß des bekannten Sender-Empfänger-Modells mussten also Verständigungsprobleme überwunden und eine Verständnisbasis geschaffen werden. Für die Umsetzung musste der Heliand-Dichter bei der Übertragung auf vor allem zwei Aspekte Rücksicht nehmen:

  • Der Dichter musste entscheidende Veränderungen am Grundlagentext vornehmen, sodass den Sachsen eine rezipierbare Grundlage des Wortes Gottes zur Verfügung stand.
  • Gleichzeitig aber auch musste er auf freie und willkürliche Veränderungen des Textes verzichten, da es sich schließlich um die Worte Gottes handelte.

 

Wie ist der Dichter nun damit umgegangen? Ein möglicher Umgang mit diesen Herausforderungen konnten z. B. eine kommentierte Übertragung oder kommentierte Textzusätze sein, um so bessere Verstehensgrundlagen zu schaffen. Im Heliand finden sich solche Kommentare etwa an solchen Stellen, bei denen der Verfasser eine Gefährdung des rechten Verständnisses der Textstelle sah: So konnten die unantastbaren christlichen Inhalte beibehalten und für den Rezipienten verständlich übertragen werden. 

Stabreime als germanische Tradition

Der Stil bzw. die Reimart spielt dabei ebenfalls eine signifikante Rolle, da im Heliand vor allem Stabreimverse verwendet werden, die in einer typisch germanischen Tradition stehen. In diesem Zuge musste neben der schriftlichen auch die in der germanischen Kultur dominierende mündliche Tradition berücksichtigt werden. Diese Tradition bot dem Verfasser die Möglichkeit, eben dort anzusetzen und an eine bestehende literarische Kultur anzuknüpfen – und konnte dem Rezipienten so ein vertrautes Muster liefern.

Neben den typisch germanischen Stabreimversen bediente sich der Dichter ebenfalls anderen, den Sachsen vertrauten Elementen aus deren mündlicher Tradition. Zum Zwecke der Beweiskraft existieren in der altsächsischen Sprache bestimmte Formulierungen in Form von Wahrheitsbezeugungen. Somit nutzte er thô gifragn ik als am häufigsten verwendete Eingangsformel oder auch ik mag iu gitellien, ic uuêt und hôriad und somit eine den Germanen vertraute topische Formel.

Zwei Schriftsysteme, ein Problem

Mit der praktischen Umsetzung ging weiterhin der Mangel eines entsprechenden Schriftsystems einher, bei dem der Dichter die lateinische Schrift graphisch und phonetisch modifizieren und umdefinieren musste. Eine weitere Hürde stellten dabei auch die unterschiedlich ausgeprägten Wort-Repertoires dar. So stand der geringe altsächsische dem komplexen lateinischen Wortschatz gegenüber und musste diesem gerecht werden. Daneben enthält die Evangelienharmonie durchaus Fachtermini, die der Volkssprache fremd gewesen sein mussten. Auch Umschreibungen wurden den lateinischen Sprachdimensionen nicht gerecht, wodurch die Kommentare des Verfassers unabdingbar waren, um ein Verständnis für den Inhalt zu garantieren. 

Die Relevanz des Heliand

Der auf Altsächsisch verfasste Heliand gilt für die Geschichte der deutschen Sprache als wichtiges Zeugnis für den frühen Umgang mit dieser, zumal es die lateinische Sprache war, die über allen anderen stand. Schließlich handelt es sich beim Heliand um ein episches Werk, was eigentlich dem Lateinischen vorbehalten war. 
Dabei reichte es auch nicht, die allgemeinen kulturellen Differenzen zwischen den Christen im Frankenreich und den heidnischen Sachsen als Grundlage für die Übertragung zu nehmen. Um eine entsprechende volkssprachliche Rezeption zu gewährleisten, war es weiterhin nötig, die divergierenden Diskurse und Kommunikationstraditionen beider Kulturen zu kennen und miteinzubeziehen. An diesem Punkt musste der Dichter ansetzen, um textuell, inhaltlich, diskursiv und kommunikativ die Sachsen für die christliche Lehre erreichen zu können.

Quellen und Literatur

  • Annales regni Fracorum, in: Heiko A. Oberman; Adolf Martin Ritter (Hrsg.): Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen. Ein Arbeitsbuch, Band 2, Neukirchen/Vluyn 2008.
  • Capitulare Saxonicum, in: Heiko A. Oberman; Adolf Martin Ritter (Hrsg.): Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen. Ein Arbeitsbuch, Band 2, Neukirchen/Vluyn 2008.
  • Einhard: Vita Karoli Magnis. Das Leben Karls des Großen, lateinisch und deutsch, von E. Scherabon Firchow, Stuttgart 1977 (reclam).
  • Ewig Eugen: Chlodwig I., Lexma 2 (2002) Sp. 1864.
  •  Gantert, Klaus: Akkommodation und eingeschriebener Kommentar. Untersuchungen zur Übertragungsstrategie des Helianddichters, Tübingen 1998.
  •  Gottzmann, Carola L.: Das Wessobrunner Gebet. Ein Zeugnis des Kulturumbruchs vom heidnischen Germanentum zum Christentum, in: Rolf Bergmann, Heinrich Tiefenbach, Lothar Voetz (Hrsg.): Althochdeutsche Grammatik, Glossen und Texte, Bd.1,  Heidelberg 1987, S. 637-654.
  • Mierke, Gesine: Memoria als Kulturtransfer. Der altsächsische Heliand zwischen Spätantike und Frühmittelalter, Köln/Weimar/ Wien 2008.
  • Müller, Stephan: Althochdeutsche Literatur. Eine kommentierte Anthologie, Ahd./Nhd., Altniederd./Nhd., übersetzt, herausgegeben und kommentiert von Stephan Müller, Stuttgart 2007.
  • Padberg, Lutz E. Von: Zur Spannung von Gentilismus und christlichem Universalitätsideal im Reich
    Karls des Großen, in: Franz-Reiner Erkens (Hg.):
    Karl der Große und das Erbe der Kulturen, Berlin 2011, S. 36-53.
  • Springer, Matthias: Sachsenkriege, RGA 26 (2004), Sp.53-61.
  • Timpe, Dieter: Germanen, Germania, Germanische Altertumskunde, RGA 11, Sp.
  •  Weinfurter, Stefan: Karl der Große. Der heilige Barbar,München 2013.

 

 

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