Der Abrogans – Was das älteste deutsche Wörterbuch über frühe Sprachreflexion verrät
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Sein Name klingt wie der Bösewicht aus einem Animationsfilm – und doch ist der Abrogans weder böse noch fiktiv. Er ist real, er ist alt, und er ist das älteste erhaltene Zeugnis deutscher Schriftlichkeit überhaupt. In diesem Artikel erfährst du, was es mit diesem ungewöhnlichen Glossar auf sich hat, warum es als Wörterbuch eigentlich ziemlich unpraktisch war – und was es uns heute noch über den Umgang mit Sprache sagt.
Was ist der Abrogans?
Der Abrogans ist ein zweisprachiges Glossar aus dem 8. Jahrhundert, also dem Frühmittelalter. Sein Aufbau folgt einem klaren Schema: Zuerst steht ein Wort in kirchlichem Hochlatein, dann folgt die vulgärlateinische Entsprechung – also das gesprochene Latein des Volkes – und schließlich die althochdeutsche Übertragung beider Begriffe.
Der Name des Glossars kommt schlicht daher, dass abrogans der erste Eintrag in der Wortliste ist. Übersetzt bedeutet er so viel wie „demütig“ – auf Althochdeutsch deomuodi.
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Der sogenannte Ur-Abrogans soll um etwa 770 entstanden sein. Das Original gilt leider als verschollen – wie so viele mittelalterliche Handschriften. Erhalten sind Abschriften, die in Paris, Karlsruhe und vor allem in der Stiftsbibliothek St. Gallen aufbewahrt werden. Das umfangreichste und älteste erhaltene Fragment liegt in St. Gallen. Insgesamt enthält der Abrogans etwa 4.000 althochdeutsche Wörter – eine aus sprachwissenschaftlicher Sicht beachtliche Sammlung.
Ein Wörterbuch voller Tücken
Wer den Abrogans als praktisches Nachschlagewerk erwartet, wird schnell enttäuscht. Denn die Wörter, die darin verzeichnet sind, gehören nicht zum alltäglichen Sprachgebrauch. Die Betonung liegt ausdrücklich auf seltenen Vokabeln – der Grundwortschatz fehlt weitgehend.
Das fängt schon beim ersten Eintrag an: Das Wort abrogans selbst taucht weder im klassischen Latein noch im alltäglichen Gebrauch auf. Sucht man es im Stowasser – dem bekannten lateinischen Wörterbuch, das viele aus dem Studium kennen –, findet man es nicht als eigenständiges Adjektiv. Es lässt sich allenfalls als Partizip von abrogare (abschaffen, entziehen) nachweisen.
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Hinzu kommen teilweise grobe Übersetzungsfehler. Ein Beispiel, das sich direkt auf der ersten Seite des Digitalisats zeigt: Das lateinische Substantiv pater (Vater) wurde ins Althochdeutsche mit vaterli übertragen – was so viel bedeutet wie „väterlich“. Damit hat sich die Wortart komplett verschoben: aus einem Substantiv wurde ein Adjektiv.
Und auch die Darstellung selbst ist alles andere als übersichtlich. Während wir Wörterbücher heute in klaren Spalten kennen, stehen die Einträge im Abrogans schlicht hintereinander, lediglich durch Punkte getrennt. Schnelles Nachschlagen? Kaum möglich.
Wozu diente der Abrogans?
Die Überschrift des Glossars gibt einen entscheidenden Hinweis: Auf Latein heißt es dort sinngemäß Incipiunt glossae ex novo et vetere testamento – „Es beginnen die Glossen aus dem Neuen und Alten Testament.“ Das lässt vermuten, dass es sich beim Abrogans um ein Wörterbuch mit Wörtern handelt, die im Zusammenhang mit der Bibel stehen.
Allerdings – und das macht die Sache noch merkwürdiger – taucht das Wort abrogans laut Forschung nicht einmal in der Bibel auf.
Die Forschung geht davon aus, dass der Abrogans kein Glossar zum schnellen Nachschlagen war, sondern ein texterläuterndes Wörterbuch: ein Hilfsmittel, um die Komplexität der Bibel anderen Menschen näherzubringen.
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Im frühen Mittelalter konnten die wenigsten Menschen lesen, schreiben oder gar Latein. Diese Fähigkeiten lagen fast ausschließlich bei Geistlichen – Mönchen und Klerikern. Gleichzeitig gewann das Wort Gottes zunehmend an Bedeutung, und es wurde immer wichtiger, den Inhalt der Bibel auch jenen zugänglich zu machen, die kein Latein beherrschten.
Das 8. Jahrhundert war zudem eine Zeit intensiver Missionierung – Stichwort: Karl der Große. In diesem Kontext lässt sich der Abrogans als Teil einer breiteren Missionsliteratur verstehen: ein Werkzeug, um deutschsprachigen Menschen und Stämmen die Inhalte der Bibel zu vermitteln – ob freiwillig oder nicht, das sei dahingestellt.
Warum ist der Abrogans sprachwissenschaftlich so wertvoll?
Über sein Alter hinaus ist der Abrogans ein Zeugnis dafür, wie die volkssprachige Schriftlichkeit – also das Schreiben auf Deutsch – begann. Im Frühmittelalter dominierte eine mündliche Tradition: Literatur und Geschichten wurden gesprochen und weitergegeben, nicht aufgeschrieben. Der Abrogans markiert einen Wendepunkt.
Besonders wertvoll ist er für die Sprachwissenschaft, weil er rund 700 Wörter enthält, die in keinem anderen althochdeutschen Werk mehr auftauchen. Für die Erforschung der frühen deutschen Sprache ist das ein unersetzlicher Fundus.
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Und die Forschung ist noch längst nicht abgeschlossen: Im Jahr 2012 wurden in der Stiftsbibliothek St. Gallen neue Fragmente entdeckt, die einem Teil des Abrogans zugeordnet werden konnten. Die Ergebnisse der zuständigen Arbeitsgruppe wurden 2021 veröffentlicht – ein deutliches Zeichen dafür, dass dieser über 1.200 Jahre alte Text noch immer Fragen aufwirft.
Was hat das mit uns heute zu tun?
Was den Abrogans so faszinierend macht, ist nicht nur sein Alter. Es ist die Arbeit, die hinter ihm steckt – die frühe, bewusste Reflexion über Sprache. Menschen haben sich im 8. Jahrhundert hingesetzt und überlegt: Wie bringen wir einen komplexen Text wie die Bibel jemandem näher, der kein Latein spricht? Wie überbrücken wir die Lücke zwischen zwei Sprachen und zwei Welten?
Dieses Kommunikationsproblem – und der Versuch, es zu lösen – zieht sich durch die gesamte Sprachgeschichte bis in die Gegenwart.
Auch heute reflektieren wir unsere Sprache und passen sie an veränderte gesellschaftliche Realitäten an. Ein aktuelles Beispiel ist die Debatte um gendergerechte Sprache: Wie lässt sich Deutsch so schreiben und sprechen, dass alle Geschlechter mitgemeint sind? Zeichen wie der Genderstern, der Doppelpunkt oder das Binnen-I sind Ausdruck genau dieser Reflexion – und dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen.
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Ein weiteres Beispiel: Wir greifen auf englische Wörter zurück, wenn das Deutsche keine passende Entsprechung hat. Das englische Wort noner etwa – ein Begriff, für den es im Deutschen schlicht keine direkte Übersetzung gibt – zeigt, wie lebendig und dynamisch Sprache bleibt.
Sprachreflexion hat also eine lange Geschichte. Sie war im 8. Jahrhundert notwendig, um das Wort Gottes zugänglich zu machen. Heute ist sie notwendig, um Sprache inklusiver, präziser und zeitgemäßer zu gestalten. Und sie wird so lange weitergehen, wie Menschen sprechen und Gesellschaften sich verändern.
Fazit
Der Abrogans ist mehr als das älteste deutsche Wörterbuch. Er ist ein Zeugnis früher Schriftlichkeit, ein Hilfsmittel der Missionsliteratur und – vielleicht am spannendsten – ein frühes Dokument bewusster Spracharbeit. Dass er als Nachschlagewerk unpraktisch war, schmälert seine Bedeutung kein bisschen. Im Gegenteil: Gerade seine Eigenheiten machen ihn zu einem so aufschlussreichen Objekt für die Sprachwissenschaft.
Rund 4.000 althochdeutsche Wörter, darunter etwa 700, die sonst nirgendwo mehr auftauchen – und neue Forschungsergebnisse noch im Jahr 2021 – zeigen, dass der Abrogans noch lange nicht auserzählt ist.
FAQ
Wo kann ich den Abrogans selbst ansehen? Das Digitalisat des Abrogans ist online zugänglich. Das umfangreichste erhaltene Fragment befindet sich in der Stiftsbibliothek St. Gallen. Über den Handschriftenzensus findest du die vollständige Überlieferungsgeschichte sowie eine detaillierte Handschriftenbeschreibung.
Ist der Abrogans wirklich das älteste deutsche Buch? Der Ur-Abrogans, der um 770 entstanden sein soll, gilt als das älteste Buch in deutscher Sprache. Das Original ist allerdings verschollen. Erhalten sind Abschriften, die in St. Gallen, Paris und Karlsruhe aufbewahrt werden.
Warum enthält der Abrogans so viele Fehler? Die Übersetzungsfehler im Abrogans – etwa die falsche Übertragung von Wortarten – deuten darauf hin, dass das Glossar nicht als schnelles Nachschlagewerk konzipiert war. Es diente wohl eher dazu, die Bibel inhaltlich zu erläutern, weniger einem präzisen sprachlichen Austausch.
Was ist Pergamentmakulatur? Mit dem Aufkommen des Buchdrucks im 15. Jahrhundert galten handgeschriebene Manuskripte als weniger wertvoll. Da Pergament jedoch ein teures Material war, wurde es nicht weggeworfen, sondern zweckentfremdet: als Bucheinband, Buchrückenverstärkung oder Reparaturmaterial. Solches wiederverwendetes Pergament nennt man Makulatur – und in einigen Fällen wurden dabei bedeutende Fragmente entdeckt, etwa Teile des Rolandslieds.
Links:
- Handschriftenbeschreibung und Digitalisat:
- Literatur: Der Admonter Abrogans: Edition und Untersuchungen des Glossarfragments der Stiftsbibliothek Admont (Fragm. D1), herausgegeben von Stephan Müller und Wolfgang Haubrichs, 2021.
Liebe Katrin,
herzlicher Dank für die spannende Einführung.
Bei einem Besuch im Klostermuseum St. Gallen haben wir einmal diesen Abrogans als Projektion gesehen:
https://e-codices.unifr.ch/fr/doubleview/csg/0911/1/
Vielleicht ist dies noch für eine gute Ergänzung für Deine Hörer:innen.
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It’s a no-brainer steht für »Das ist ein Kinderspiel«, also ein leichtes zu bewältigen.
Hey mrc,
vielen Dank für deinen Kommentar! Freut mich, dass du die Einführung spannend findest 🙂
Ich beneide dich sehr um den Besuch – da muss ich auch mal dringend hin.
Der Link ist eine tolle Ergänzung!
Also „no-brainer“ klingt irgendwie radikaler als „Kindespiel“, aber ja – das Beispiel kam mir ja mal gar nicht in den Kopf, vielen Dank für die Ergänzung und vor allem fürs Hören meiner Folge 🙂
Fr. Stupp,
Ich hoere (English keyboard with no umlauts) Rolf’s podcast, Deja-Vu Geschichte sehr gern, und habe Sie mit ihm in seinem Gutenberg Podcast gehoert. Dann habe ich Ihre Podcast vom Abrogans gehoert, and sie gefaellt mir sehr! Wir haben als Familie Der Schweiz und Deutschland 2019 besuchen, and die erste Stadt die wir besuchen haben war St. Gallen! Der Abrogans hat mir immer als ur-Deutsches Woerterbuch fasciniert. Ihre Podcast fasciniert mir auch! Ich kann nicht warten, die folgende Podcasts zuzuhoeren. Das wird ein „no-brainer“!
Alles gute,
Walt Schmidt
Chicago Area, USA
Hallo Herr Schmidt,
vielen lieben Dank für den Kommentar!! Wow, St. Gallen ist wirklich faszinierend, ich muss auch dringend hin – dann haben Sie den Abrogans ja live gesichtet 🙂
Ich freue mich auch sehr, dass Sie meinen Podcast hören und dass er Ihnen gefällt 🙂 Ich wünsche ganz viel Spaß beim Hören der anderen Folgen!
Viele Grüße nach Chicago
Katrin
Hallo, Katrin,
auch wenn Kirchenaustritte aktuell einen Aufwärtstrend erfahren, gibt es nach wie vor viele Menschen, die zum Beispiel mit einem Gebet etwas zu tun haben mögen. Als ich Deinen Mini-Podcast über den Abrogans anklickte und die von Dir dafür angesetzte Zeit (unter anderthalb Minuten), fürchtete ich schon, daß Du auf die wahre Besonderheit des St. Gallener Abrogans‘ – das ‚Vater Unser‘ – nicht eingehen würdest, und so war es dann auch. Genau das aber SOLLTE meiner Meinung nach eingeschlossen werden in eine Vorstellung: ein sehr Vielen Menschen vertrauter, weit über 1000 Jahre alter geistlicher Text, der – zumindest beim laut Lesen – immer noch verständlich daherkommt (auf der verlinkten Digialisat-Seite ist es „p. 320“; vielleicht magst Du ja irgendwann ein Update machen! – Was Deine eigene Leistung nicht schmälern würde (Vorschlag), ist: hinzuweisen auf „Vorarbeiten“, so die sympathische Vorstellung des Abrogans auf YouTube, dazu ins Suchfeld eingeben: (Franz Hohler und Abrogans 2017).
Viele Grüße und weiterhin viel Erfolg wünscht Dir
Horst
Hallo Horst,
lieben Dank für deinen Kommentar! Die kurzen Videos auf YouTube sind wirklich nur dazu da, um Appetit auf die Handschrift zu machen. In der dazugehörigen Podcastfolge hier auf dieser Seite über den Kommentaren bespreche ich den Abrogans etwas ausführlicher mit dem Fokus auf die Spracharbeit und das Glossar. Das Vater Unser ist zweifelsohne ein wichtiger Text durch die Zeiten hinweg bis heute – vor einiger Zeit habe ich eine Folge zur althochdeutschen Vater-Unser-Übersetzung gemacht („Fater unseer, thu pist in himile“), die findest du hier, falls du mal reinhören magst: https://katrin-stupp.de/2022/07/10/fater-unseer-thu-pist-in-himile-althochdeutsche-vaterunser-uebersetzungen/
Viele Grüße und vor allem noch schöne Ostern!
Katrin