Die Inhalte dieses Blogartikels und des Podcasts
- Wo das Lorscher Arzneibuch entstanden ist
- Was im Lorscher Arzneibuch steht
- Woher das Wissen stammt
- Erstaunlich moderne Wirkstoffe im Mittelalter
- Warum ein Medizinbuch im Jahr 800 ein theologisches Vorwort brauchte
- Der Weg nach Bamberg – eine abenteuerliche Reise durch die Jahrhunderte
- Was die Forschung darüber streitet
- Fazit: Was das Lorscher Arzneibuch uns heute noch sagt
- FAQ
Das Lorscher Arzneibuch: Was das älteste medizinische Buch Deutschlands über Wissen und Heilkunst verrät
Du wachst morgens auf, der Kopf dröhnt, der Bauch tut weh, Fieber kommt dazu. Was tust du? Du greifst zur Tablette. Kein großes Drama. Aber was, wenn du im 8. Jahrhundert leben würdest?
Dann wärst du froh, wenn in deiner Nähe ein Kloster liegt. Nicht nur wegen des Gebets, sondern weil dort Männer sitzen, die wissen, welche Pflanze gegen Kopfschmerzen hilft, welchen Trank du nimmst, um den Kreislauf zu stützen – und die das alles aufgeschrieben haben. In einem echten, systematisch angelegten Buch.
Dieses Buch existiert noch. Es liegt heute in der Staatsbibliothek Bamberg unter der Signatur MSc.Med.1, hat 75 Blätter Kalbspergament und ist vollgeschrieben mit 482 Rezepten, theologischen Abhandlungen und medizinischen Texten. Es ist das Lorscher Arzneibuch – das älteste erhaltene medizinische Buch Deutschlands. Und es hat eine Geschichte, die weit über Kräutertränke und Pflasterrezepte hinausgeht.


Wo das Lorscher Arzneibuch entstanden ist
Lorsch ist heute ein kleiner Ort südlich von Darmstadt. Wer dort war, kennt vielleicht das beeindruckende karolingische Torhallenbauwerk – heute UNESCO-Weltkulturerbe. Im 8. Jahrhundert war Lorsch aber vor allem eines: eine der bedeutendsten Benediktinerabteien des Frankenreichs, eine sogenannte Reichsabtei, die direkt dem König unterstand.
Und dieser König war Karl der Große.
Karl der Große hat nicht nur militärisch Westeuropa unter seiner Herrschaft vereint. Er hat auch eine massive Bildungsoffensive angestoßen, die Historiker als karolingische Bildungsreform bezeichnen. Konkret bedeutete das: In seinen Klöstern sollte gelesen, geschrieben, gedacht und gesammelt werden. Er zog Gelehrte aus ganz Europa an seinen Hof, gründete Schulen und förderte die Buchproduktion. Die Idee dahinter war klar: Ein gut funktionierendes Reich braucht gebildete Menschen.
In diesem Klima entsteht das Lorscher Arzneibuch – wahrscheinlich um das Jahr 785, vielleicht etwas früher, vielleicht etwas später. Geschrieben haben es mehrere Mönche im Kloster Lorsch selbst, unter der Schirmherrschaft des Abts Richbodo. Und die Mönche sitzen dabei nicht einfach da und schreiben aus einer Laune heraus Rezepte auf. Sie tun das systematisch, planvoll, als Teil einer größeren Bewegung. Das Lorscher Arzneibuch ist ein Kind seiner Zeit.
Was im Lorscher Arzneibuch steht
Die 75 erhaltenen Blätter Kalbspergament – Pergament aus Tierhaut, aufwendig herzustellen und entsprechend wertvoll – sind dicht beschrieben. 32 bis 33 Zeilen pro Seite, größtenteils einspaltig. Ursprünglich waren es sogar 107 Blätter, doch ein Teil ist über die Jahrhunderte verloren gegangen. Was bleibt, reicht trotzdem für ein beeindruckendes Werk.
Das Buch ist kein loser Haufen von Notizen, sondern ein strukturiertes Kompendium: ein Nachschlagewerk für den praktisch arbeitenden Klosterarzt und gleichzeitig ein einführendes Lehrbuch.
Es ist gegliedert in mehrere Teile:
- Ein theologisches Vorwort – dazu später mehr, denn das ist einer der faszinierendsten Teile des Buches
- Verse zu Ehren der Heiligen Kosmas und Damian, der Schutzpatrone der Ärzte und Apotheker
- Eine Einführung in die Medizingeschichte und den hippokratischen Eid
- Eine Sammlung heilkundlicher Fragen und Antworten, die dem Philosophen Aristoteles zugeschrieben wurden – ihm aber vermutlich gar nicht gehörten (solche Texte mit falscher Verfasserangabe nennt man übrigens Pseudepigraphen)
- Pharmakologische Abhandlungen, darunter eine sogenannte Antembaloumena – eine Liste von Arzneimitteln mit Angaben, was man nehmen kann, wenn der Originalwirkstoff gerade nicht verfügbar ist. Das ist, wenn man so will, die älteste bekannte Auflistung von Arzneimittel-Alternativen
- Ein Kräuterglossar mit griechischen und lateinischen Synonymen
Und dann der Hauptteil: 482 Rezepte, unterteilt in fünf Bücher. Mal nach Krankheitsbildern geordnet, mal von Kopf bis Fuß gehend. Die Rezepte beschreiben Zutaten, Herstellung und Anwendung. Es geht um Tränke, Salben, Pillen, Pflaster, Umschläge, Zäpfchen, Öle – alles, was ein Klosterarzt braucht.
Ein Beispiel gefällig? Rezept Nummer 30 trägt den Titel „Heilmittel gegen alle Magenschmerzen“ und verspricht laut Übersetzung unter anderem: Es löst Verhärtungen auf, mildert Rachenschmerzen, hält das Keuchen auf, bessert das Sodbrennen, lindert das Pfeifen in der Brust beim Sprechen, heilt den Husten, beruhigt Bauchgrimmen, Nierenschmerzen und Seitenstechen, hilft bei Steinleiden, Gelbsucht, Hämorrhoiden – und bei Niedergeschlagenheit, die häufig Frauen befalle, wirke es sofort stimmungsaufhellend. Das ist quasi das Frauengold des Frühmittelalters.
Und dann gibt es noch einen Eintrag mit dem wunderbaren Titel: Das erprobte undankbare Antidot. Undankbar, weil, wie die Übersetzung erklärt: Wenn du für dieses Heilmittel nicht im Voraus entlohnt wirst, sieh zu, dass du es keinem gibst. Viele haben es nämlich nur ein einziges Mal eingenommen und sind genesen, woraufhin der Arzt ohne Entgelt blieb. Knapp 1.200 Jahre alt und das Kernproblem der freien Berufe ist dasselbe geblieben.
Woher das Wissen stammt
Das Wissen im Lorscher Arzneibuch kommt nicht aus dem Nichts. Es ist gesammeltes und weitergegebenes Wissen der griechisch-römischen Antike, gefiltert durch byzantinische Gelehrte und angepasst für das frühmittelalterliche Europa. Direkt nachweisbare Quellen sind:
- Werke des Arztes Galenos, einer der bedeutendsten Mediziner der Antike
- Schriften des Naturkundlers Plinius
- Byzantinische Medizintexte
Indirekt flossen auch die Werke des Dioskurides ein, der im ersten Jahrhundert nach Christus ein monumentales Werk über Heilpflanzen und Arzneimittel verfasst hatte. Das ist echter Wissenstransfer über Jahrhunderte hinweg.
Pionierwerk der modernen Medizin – oder anachronistische Deutung?
Unter den 482 Rezepten finden sich einige, die für ihre Zeit auf den ersten Blick bemerkenswert erscheinen. Gundolf Keil, der das Arzneibuch in den 1980er Jahren wissenschaftlich erschlossen hat, hat daraus weitreichende Schlüsse gezogen – und damit eine bis heute andauernde, ungewöhnlich scharfe Debatte ausgelöst.
Keils Thesen lesen sich zunächst spektakulär: Der Einsatz von Substanzen aus der Meerzwiebel zur Kreislaufstabilisierung sei als frühe Anwendung von Herzglykosiden zu verstehen – Wirkstoffen, die das Herz bei seiner Arbeit unterstützen und heute noch in der Medizin verwendet werden. Johanniskraut als Mittel bei psychischen Beschwerden gelte als weltweit erster Beleg für einen psychiatrischen Einsatz dieser Pflanze. Und Rezepte, die Wunden und Geschwüre mit Schimmel von trockenem Käse behandeln, deutete Keil als gezielten Einsatz von antibiotisch wirksamem Schimmelpilz – Jahrhunderte vor Alexander Flemings Entdeckung des Penicillins 1928.
Das klingt eindrucksvoll. Aber genau hier setzt die Gegenkritik an.
Der Medizinhistoriker Klaus-Dietrich Fischer hat Keils Interpretationen in einem Aufsatz von 2010 scharf angegriffen. Sein Kernvorwurf: Keil projiziere moderne Konzepte unzulässig auf das Mittelalter. Das Johanniskraut etwa sei in dem betreffenden Rezept nur einer von 35 Bestandteilen – es als gezieltes psychiatrisches Mittel herauszustellen, sei methodisch nicht haltbar. Beim Käseschimmel sei die Deutung als Proto-Penicillin schlicht „abenteuerlich“, weil nicht jeder Schimmel antibiotisch wirkt. Und die angeblichen Reformgedanken des Buches, die Keil als bewusstes medizinalpolitisches Programm las, seien in Wahrheit fast wörtliche Übernahmen aus Isidor von Sevilla – einem Autor des 7. Jahrhunderts. Keine karolingische Innovation, sondern ein Zitat.
Fischers Grundvorwurf trifft den Kern: Keil habe Schlagworte seiner eigenen Zeit – „Gesundheitspolitik“, „Kostendämpfung“, „Medizin für jedermann“ – auf eine Epoche angewendet, die dafür weder die Verwaltungsstrukturen noch die Begriffe hatte. Das nennt man in der Geschichtswissenschaft Anachronismus: So tun, als hätten Menschen vergangener Zeiten Konzepte gedacht, die es damals noch gar nicht gab.
Was bleibt? Die Mönche hatten zweifellos empirisches Wissen – Erkenntnisse aus Beobachtung und Erfahrung, die in manchen Punkten in dieselbe Richtung weisen wie spätere Wissenschaft. Aber sie kannten kein Penicillin, keine Herzglykoside, keine Psychiatrie als Fachgebiet. Den Unterschied zwischen dem, was die Mönche taten, und dem, was wir heute darunter verstehen, sauber herauszuarbeiten – das ist der eigentliche wissenschaftliche Anspruch.
Am Ende des Codex findet sich außerdem ein Brief des Arztes Anthimus an einen fränkischen König, in dem es um gesunde Ernährung geht. Gesundheit ist im Lorscher Arzneibuch kein Teilthema – es ist das Gesamtthema, von der Theorie bis zur praktischen Diätberatung.
Warum ein Medizinbuch im Jahr 800 ein theologisches Vorwort brauchte
Heute ist es selbstverständlich: Man wird krank, man geht zum Arzt, man wird behandelt. Aber im frühmittelalterlichen Europa war das alles andere als selbstverständlich.
Es gab eine ernsthafte, theologisch begründete Debatte darüber, ob Medizin überhaupt legitim ist. Die Logik lief ungefähr so: Gott hat alles geplant. Krankheit und Heilung liegen in Gottes Hand. Wer krank wird, dem widerfährt Gottes Wille. Und wer jetzt mit Kräutertränken und Salben ankommt und versucht, diesen Willen zu korrigieren, der maßt sich etwas an, das ihm nicht zusteht – und das riecht gefährlich nach Heidnischem.
Das war keine Randmeinung. Gregor von Tours, ein einflussreicher fränkischer Bischof des 6. Jahrhunderts, soll sich ernsthaft dafür ausgesprochen haben, die Medizin abzuschaffen und durch christliche Wunderheilung zu ersetzen. Andere kirchliche Autoritäten stuften die Heilkunde schlicht als nichtig ein. Die antike griechisch-römische Medizin kam schließlich aus einer Welt, die heidnische Götter verehrte und sich auf Autoren wie Hippokrates und Galenos stützte. Und die waren nun mal keine Christen.
In dieser Situation schreiben die Mönche von Lorsch ihr Arzneibuch – und sie wissen genau, dass sie eine Rechtfertigung brauchen.
Deshalb beginnt das Buch nicht mit dem ersten Rezept, sondern mit einem Vorwort, das auf Latein den Titel trägt: Defensio artis medicinae – die Verteidigung der Heilkunst.

Das kluge Argument der Lorscher Mönche
Diese Verteidigung ist bemerkenswert klug konstruiert. Der Verfasser greift die medizinfeindliche Position nicht von außen an. Er sagt nicht, dass die gegnerische Theologie falsch sei. Er beweist aus eben dieser Theologie heraus, dass Medizin nicht nur erlaubt, sondern geboten ist.
In der Übersetzung des Vorworts heißt es unter anderem: „Niemand soll also die Medizin dort verachten, wo er sie nicht kennt.“ Und weiter: Wer einen Arzt aufsucht, soll das Arzneimittel annehmen und bei Gott demütig um Heilung bitten – denn das heilsame Gegenmittel kann er erlangen, wenn ein gutes Werk des Arztes zu geschehen bereit ist.
Das Argument in seiner Reinform: Gott wirkt durch den Arzt. Der Arzt ist kein Konkurrent der göttlichen Fürsorge. Er ist ihr Werkzeug.
Die Argumentation geht noch weiter: Gott hat den Menschen die Heilpflanzen gegeben. Er hat das Wissen über ihre Wirkung erst ermöglicht. Kranken zu helfen ist ein Gebot der christlichen Nächstenliebe. Wer kranken helfen kann und es nicht tut, handelt unchristlich. Der Verfasser kämpft mit den Waffen der Gegenseite – und gewinnt damit, zumindest auf dem Pergament.
Ein medizinpolitisches Programm
Das Vorwort enthält aber noch mehr. Der Autor fordert, dass Heilkunde nicht nur den Reichen zugänglich sein darf. Er fordert außerdem, heimische Heilpflanzen und Arzneimittel zu nutzen, statt auf teure Importwaren aus dem Orient zu setzen.
Das ist, mit aller gebotenen Vorsicht gesagt, die erste überlieferte Debatte über Gesundheitsversorgung und Kosteneffizienz im deutschsprachigen Raum. Es ist nicht dasselbe wie heutige Gesundheitspolitik – aber das Grundprinzip ist dasselbe: Medizin soll für alle zugänglich sein.
Der Medizinhistoriker Ulrich Stoll bezeichnet das Vorwort als das umfangreichste und früheste argumentative Textzeugnis zur Rezeption antiker Überlieferung im Zuge der karolingischen Bildungsreform. Es gibt keinen anderen Text aus dieser Zeit und diesem Umfeld, der so ausführlich und argumentativ begründet, warum antikes heidnisches Wissen in einem christlichen Kontext verwendet werden darf.
Das Lorscher Arzneibuch ist damit nicht nur ein Arzneibuch. Es ist ein Dokument einer Kulturrevolution. Dieser erste Schritt war nötig, damit aus der Klostermedizin schließlich die europäische Universitätsmedizin werden konnte. Das Lorscher Arzneibuch hat somit eine Tür aufgestoßen.
Der Weg nach Bamberg – eine abenteuerliche Reise durch die Jahrhunderte
Was passiert mit einem Buch, das um 785 in einem Kloster entsteht? Bei vielen mittelalterlichen Handschriften lässt sich das kaum noch nachvollziehen. Beim Lorscher Arzneibuch ist es anders – und der Grund dafür ist eine besondere Liste.
Auf Blatt 42V des Codex, einer halbleeren Seite mitten im Buch, hat jemand ein Bücherverzeichnis eingetragen. Kein gewöhnliches – es ist das einzige bekannte Teilverzeichnis einer kaiserlichen Bibliothek aus dem frühen Mittelalter. Niedergeschrieben wurde es von Leo von Vercelli, einem engen Vertrauten und Lehrer Kaiser Ottos II.
Das bedeutet: Das Lorscher Arzneibuch befand sich um das Jahr 1000 im Besitz von Kaiser Otto II. Wie es dorthin gelangte – als Schenkung, als Beute, als diplomatisches Geschenk – wissen wir nicht. Aber der kaiserliche Besitz ist belegt.
Otto II. stirbt im Jahr 983, jung mit 28 Jahren, auf einer Reise in Italien. Sein Nachfolger wird Heinrich II., bekannt als frommer Kaiser und leidenschaftlicher Büchersammler. Heinrich stiftet der Dombibliothek des von ihm 1007 gegründeten Bistums Bamberg eine beachtliche Sammlung von Handschriften – darunter das Lorscher Arzneibuch.
1611 wird das Buch noch einmal neu gebunden, auf Veranlassung des Dompropstes Johann Christoph Neustetter. Und 1803, in der Zeit der Säkularisation, wandert es mit der gesamten Dombibliothek in staatlichen Besitz – in die heutige Staatsbibliothek Bamberg, wo es bis heute aufbewahrt wird.
Wer möchte, kann es sich dort unter der Signatur MSc.Med.1 ansehen. Oder digital: Die Staatsbibliothek hat das Lorscher Arzneibuch dankenswerterweise digitalisiert.
Wie das Lorscher Arzneibuch in die Forschung kam
Das Lorscher Arzneibuch war Fachleuten seit dem 19. Jahrhundert als „Bamberger Codex Med.1″ bekannt, wurde aber erst Anfang des 20. Jahrhunderts wirklich wahrgenommen. Es war der Leipziger Medizinhistoriker Karl Sudhoff, der zwischen 1913 und 1915 darüber publizierte und das Vorwort als bemerkenswerte Verteidigungsschrift der Heilkunde identifizierte. Bis dahin glaubte die Mehrheit der Forschung übrigens, das Buch sei in Frankreich oder Italien entstanden – Sudhoff vermutete den deutschen Sprachraum und sollte damit recht behalten.
Den Namen „Lorscher Arzneibuch“ hat dem Codex dann der Würzburger Medizinhistoriker Gundolf Keil gegeben, der das Buch in den 1980er Jahren in einem umfangreichen Forschungsprojekt erschlossen hat. Zusammen mit Ulrich Stoll hat Keil die Handschrift faksimiliert, ediert und ins Deutsche übersetzt. Diese Ausgabe erschien 1989, im selben Jahr, in dem in Lorsch ein Symposium zu dem Buch stattfand. Das war der große wissenschaftliche Auftritt des Lorscher Arzneibuchs in der modernen Öffentlichkeit.
Ein fundamentaler Streit über Interpretation
Die Debatte um das Lorscher Arzneibuch ist weit mehr als ein trockener Gelehrtenstreit. Sie berührt eine grundlegende Frage: Wie weit darf man bei der Interpretation historischer Quellen gehen?
Keil hat in seiner Arbeit nicht nur das Buch zugänglich gemacht, sondern eine Reihe von Thesen aufgestellt, die das Arzneibuch als Pionierwerk der modernen Medizin erscheinen ließen. Er sprach von einer „Lorscher Medizinalreform“ als Teil von Karls des Großen Bildungsprogramm, sah im Vorwort ein bewusstes „medizinalpolitisches Programm“ mit Ansätzen von Kostendämpfung und einer „Medizin für jedermann“ – und deutete die Rezepte mit Meerzwiebel, Johanniskraut und Käseschimmel als frühe Formen moderner Wirkstoffe (dazu mehr im Abschnitt weiter oben). Er datierte das Buch auf um 788.
Klaus-Dietrich Fischer hat diese Thesen 2010 in ungewöhnlicher Schärfe angegriffen – und seine Kritik geht über einzelne Detailfragen hinaus. Fischer wirft Keil vor, Begriffe wie „Gesundheitspolitik“ oder „Kostendämpfung“ – Schlagworte der 1980er Jahre – auf eine Epoche projiziert zu haben, die dafür weder die Verwaltungsstrukturen noch die Begriffe kannte. Und er geht noch weiter: Die angeblichen Reformverse des Buches, die Keil als karolingische Innovation las, seien in Wahrheit fast wörtliche Kopien aus Isidor von Sevilla, einem Autor des 7. Jahrhunderts. Keine Innovation – ein Zitat.
Noch schärfer formuliert Fischer den Vorwurf, Keil habe Quellen so interpretiert, wie es für seine Sensationsthesen am günstigsten war. Das ist im Wissenschaftsbetrieb ein ernstes Urteil.
Dazu kommt die ungelöste Datierungsfrage. Der Paläograf Bernhard Bischoff – Paläografie ist die Wissenschaft, die Handschriften anhand ihrer Schriftmerkmale datiert, und Bischoff gilt als der führende Vertreter dieses Fachs im 20. Jahrhundert – datierte das Buch auf den Anfang des 9. Jahrhunderts. Keil hingegen argumentiert für das späte 8. Jahrhundert. Diese Positionen stehen sich bis heute gegenüber, ohne dass eine Seite vollständig recht bekommen hätte.
Was diese Debatte zeigt: Wissenschaft steht nie still. Geschichte lässt sich nicht zu 100 Prozent rekonstruieren – aber man kann immer wieder neue Fragen an einen Gegenstand stellen. Und manchmal muss man dabei eingestehen, dass man zu weit gegangen ist.
Einig sind sich alle: Das Lorscher Arzneibuch ist ein außergewöhnliches Dokument. Im Juni 2013 wurde es deshalb in das internationale UNESCO-Register des Weltdokumentenerbes aufgenommen – zu Recht.
Fazit: Was das Lorscher Arzneibuch uns heute noch sagt
Das Lorscher Arzneibuch ist ein Buch, das zeigt, wie Wissen gerettet wird. Die griechisch-römische Antike hatte Medizin entwickelt, die im frühmittelalterlichen Europa fast vergessen worden wäre – weil sie die falschen Vorzeichen hatte, weil sie als heidnisch galt und verdächtig erschien. Die Mönche von Lorsch haben trotzdem aufgeschrieben, argumentiert und verteidigt.
Es erinnert daran, dass Wissen immer erkämpft werden musste – gegen Vorurteile, gegen Angst, gegen Argumente, die zu einem bestimmten Zeitpunkt überzeugend klangen und es vielleicht nicht waren.
Und das Vorwort des Lorscher Arzneibuchs ist dabei erschreckend aktuell. Die Frage, wem Wissen gehört, wer Zugang zu Medizin haben darf und wie man Wissenschaft gegen Misstrauen verteidigt – das sind keine rein mittelalterlichen Fragen. Das sind auch unsere Fragen heute.
FAQ
Kann ich das Lorscher Arzneibuch selbst ansehen? Ja. Die Staatsbibliothek Bamberg hat das Lorscher Arzneibuch digitalisiert. Du kannst es online einsehen – die Signatur lautet MSc.Med.1. Wer möchte, kann natürlich auch nach Bamberg fahren!
Sind die Rezepte im Lorscher Arzneibuch wirklich wirksam? Einige Rezepte basieren auf Wirkstoffen, die heute noch medizinisch relevant sind – zum Beispiel Herzglykoside aus der Meerzwiebel oder Johanniskraut bei psychischen Beschwerden. Das bedeutet aber nicht, dass alle 482 Rezepte aus heutiger medizinischer Sicht empfehlenswert wären. Die Mönche hatten empirisches Wissen aus Beobachtung und Erfahrung, aber keine modernen Erkenntnisse über Wirkungsmechanismen, Dosierungen oder Nebenwirkungen.
Warum streiten Forschende bis heute über das Lorscher Arzneibuch? Der Streit hat zwei Ebenen. Die eine ist die Datierung: Entstand das Buch im späten 8. oder frühen 9. Jahrhundert? Das ist bis heute offen. Die andere, grundsätzlichere Ebene betrifft die Interpretation: Gundolf Keil hat das Buch in den 1980ern mit modernen Begriffen wie „Gesundheitspolitik“ und „Kostendämpfung“ gedeutet und einzelne Rezepte als Vorläufer von Penicillin oder Herzmedikamenten beschrieben. Klaus-Dietrich Fischer hat das 2010 scharf kritisiert – als Anachronismus, der moderne Konzepte unzulässig auf das Mittelalter projiziert, und als methodisch fragwürdige Quellenarbeit. Hinter diesem Streit steckt eine grundlegende Frage der Geschichtswissenschaft: Wie weit darf Interpretation gehen, bevor sie zur Fehldeutung wird?
Was hat das Lorscher Arzneibuch mit der heutigen Medizin zu tun? Direkt wenig – niemand behandelt heute nach mittelalterlichen Rezepten. Aber das Buch steht für einen entscheidenden Moment in der Geschichte der europäischen Medizin: den Schritt von der antiken Überlieferung zur systematischen Klostermedizin, die später den Weg zur wissenschaftlichen Universitätsmedizin ebnete. Das theologische Vorwort – die Defensio artis medicinae – war dabei ein Schlüsseldokument, das die Legitimität von Medizin im christlichen Europa argumentativ begründete.
Shownotes
Lorscher Arzneibuch (Bamberg, Staatsbibl., Msc. Med. 1)
Quellen und Literatur
- UNESCO / Staatsbibliothek Bamberg: Eintrag zum Weltdokumentenerbe „Lorscher Arzneibuch“, online verfügbar (abgerufen 2025)
- Stoll, Ulrich: Einleitung zur wissenschaftlichen Erschließung des Lorscher Arzneibuches, Institut für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg, 1989
- Fischer, Klaus-Dietrich: Aufsatz zur kritischen Auseinandersetzung mit den Thesen Gundolf Keils zum Lorscher Arzneibuch, 2010
- Stoll, Ulrich / Keil, Gundolf (Übers.): Das Lorscher Arzneibuch. Übersetzung der Handschrift Msc. Med. 1 der Staatsbibliothek Bamberg. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart 1989.
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